Archiv für Oktober 2010

Wiedersehen mit Pamukkale

7 Oktober 2010

Pamukkale – och….

Schliesslich gehört der Ausflug zu diesem Naturwunder zu jeder „Eine Woche All inclusive Tchibo Reise“, meist in der kalten  Jahreszeit bei schlechtem Wetter.

Raubbau am Thermalwasser und rücksichtsloser Massentourismus haben das UNESCO-Weltnaturerbefast zerstört.

Dass sprichwörtliche „Watteweiss“ des „Baumwollschlosses“ drohte Ende der Neunziger zu vergilben und die Terrassen waren verschmutzt und überfrequentiert. Dann begann das Umdenken, das nun erste Erfolge erkennen lässt.
Mike Wilutzki hat den Wandel der Zeit in mehreren Besuchen in Pamukkale in den letzten 40 Jahren erlebt und schreibt über seine Erfahrungen.

Ein etwas anderer Reisebericht.

Wir sind auf Fahrt in den Westen der Türkei.
Nicht im Tourenbus und betreut durch einen Reiseleiter, sondern unterwegs im Mietwagen: frei und ungebunden.
Nach sechs Stunden geruhsamer Fahrt von Alanya grüßt uns der baumwollweiße Hang von Pamukkale schon über eine weite Entfernung – und alte Erinnerungen werden bei mir wach.
„Verweile doch, Du bist so schön“, könnte man in diesem Augenblick beim Anblick der Sinterterrassen am Fuße der Cökelez-Berge im Abendlicht bei Gewitterstimmung ausrufen.
Eine unbeschreiblich schöne Lichtstimmung verzaubert die Terrassen in eine romantische Theaterszene.
Den Aufenthalt deshalb hier zu verlängern, vielleicht einen kleinen Urlaub einzuschieben, diese Möglichkeit ergibt sich, wenn man nicht in das Tagesprogramm einer Reisgruppe eingebunden ist.
Und wir tun das, nachdem wir in Pamukkale Köy eine kleine gastliche „Pansiyon“ gefunden haben. Übernachtung mit Frühstück: 50 TL für zwei Personen im Doppelzimmer.
Etwas teurer wäre es in Karahayit geworden, wo die Tourenhotels der gehobenen Klasse auf die Touristenbusse warten.
Bei meinem ersten Besuch in den sechziger Jahren gab es diese Unterkünfte noch nicht.
Der bescheidene Tourismus wurde von Denizli aus organisiert.
Dafür konnte man überall dort baden, wo sich eine „Sinterschüssel“ gebildet hatte.
Die Touristen brachen Kalksteine als Mitbringsel aus dem Hangverbund heraus, meißelten ihre Namen in das weiße Gestein und beschädigten die Terrassen mit ihrem groben Schuhwerk.
Niemand hinderte sie daran.
In der antiken Quelle, wo das 35°C heiße Wasser austritt, badeten wir damals inmitten türkischer Familien in freundschaftlicher Eintracht.
Heute findet sich hier ein eingezäuntes Luxus- Bad, dessen Benutzung 20 TL kostet.
Bei unserem zweiten Besuch im Jahre 1968 übernachteten wir direkt neben der Quelle im Hotel TUSAN, das seinen Pool mit heißem Quell-Wasser versorgte.
Das so abgekühlte Wasser konnte beim Abfluss am Hang keinen Kalk mehr absondern.
Die Folge war ein langsamer Rückgang der Versinterung und eine nachhaltige Schädigung dieses Naturwunders. Als noch mehr Hotels oberhalb der Terrasse gebaut wurden, beschleunigte sich dieser Vorgang.
Die Folgen sahen wir 1977, als wir das „Baumwoll-Schloss“ nicht wiedererkannten.
Über weite Flächen war der Abhang gelb-grau geworden. Der chemische Prozess der Versinterung, der schon in antiker Zeit die Menschen angelockt hatte und zur Gründung der Stadt HIERAPOLIS führte, hatte aufgehört.
Der Mensch in seiner Maßlosigkeit und sein fehlender Respekt vor einmaligen Naturschöpfungen hatten Pamukkale zerstört. Die Frage ist deshalb berechtigt, ob es erst soweit kommen musste.
Als Folge der Zerstörung von Pamukkale gab es weltweiten Protest von Umweltorganisationen und Naturliebhabern.
Der Druck wurde schließlich so groß, dass die Verantwortlichen zügig handelten.
Die Luxus-Hotels wurden abgerissen und im Jahr 2000 war die Fläche oberhalb des Hangs wieder frei von moderner Bebauung.
Pamukkale wurde schließlich zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.
In der Folgezeit installierte man ein klug organisiertes System wechselnder Abflussrhythmen, so dass sich auch seitwärts gelegene Hanglagen wieder weiß einfärbten.
Der Prozess der Erneuerung ist noch nicht abgeschlossen.
Der eingeschlagene Weg jedoch erscheint ohne jeden Zweifel erfolgversprechend.
Wir empfehlen den Besuch der Sinterterrassen vom Fuß des Hanges aus (neben der Polizei-Station). Von dort gelangt man nach Passieren der Eingangssperre (20 TL) auf einen Weg, den alle Besucher gehen müssen. Natürlich barfuß.
Die Schuhe im Rucksack, die Kamera fest im Griff – und ja nicht ausrutschen!
Schritt für Schritt geht es in engem Fußkontakt mit dem Sinterkalk durch das abfließende Wasser. Es ist ein Erlebnis der besonderen Art.
Der Vergleich mit einer Gletscherwanderung erscheint angebracht.
Doch ist es viel wärmer, und die Ausblicke in die grüne Talebene offenbaren eine großartige Landschaft.
Es ist Sonntag und wir wandern zusammen mit türkischen Familien auf dem Sinterpfad.
Zu den fröhlich gestimmten Türken gibt es immer wieder einen herzlichen Kontakt .
Auch sie sind beglückt von diesem Naturwunder und auch irgendwie stolz, dass es in ihrem Land zu finden ist.
Oben angekommen, sehen wir sofort den Unterschied zu 1977.
Die gesamte Fläche ist ein eindrucksvoller, sehr gepflegter Park geworden.
An der Traufkante gibt es einen hölzernen Gehweg.
Wer von dort übermütig die Sinterterrasse betritt, wird sofort zurückgepfif- Gegenspielers zu sehen, wenig später im Reigen der Musen …
Wer sich in den Ruinen von Hierapolis verliert, wird schnell die Zeit vergessen, denn es ist viel zu sehen: Neben dem imposanten Theater aus der Zeit Hadrians sollte man unbedingt die Nekropole,  das Nymphäum und die Agora ausgiebig besichtigen.
Gleich an der Nekropole stehen die gewaltigen Bögen der „Roten Basilika“.
Sie sind für mich immer wieder faszinierender Beweise für die überragenden Leistungen der römischen Baumeister.
Sicher hat das alte Hierapolis viel Geld mit dem „Pilgertourismus“ verdient.
Es gab jedoch noch eine zweite nicht weniger wichtige Einnahmequelle in dieser Stadt.
Das sprudelnde Thermalwasser hatte die besten Eigenschaften, um Wolle zu waschen und zu färben.
So entwickelte sich Hierapolis schon früh zu einem antiken Textilzentrum, dessen feine Stoffe auch die Schultern römischer Senatoren im fernen Rom bedeckten.
Die Qualität dieser Produkte war in ganz Kleinasien bekannt und begehrt und vermehrte den Reichtum römischer Bürger.
Hierapolis war eine kosmopolitische Stadt, in der Anatolier, griechische Mazedonier, Römer, Juden und später Christen lebten.
An sie erinnert eine Gedächtniskirche an das Martyrium des „Heiligen Philippus“, der von den Römern wegen seines missionarischen Wirkens 87 n. Chr. gekreuzigt wurde.
Er hatte in der Stadt die erste christliche Gemeinde gegründet und damit gegen römisches Recht verstoßen.
Der achteckige Bau der Erinnerungs-Kirche aus dem 5. Jahrhundert gilt als Maßstab.
Die deutschen Archäologen der frühen Forschungsphase sind von den Italienern abgelöst worden.
Auf unserem Rückweg sehen wir überall Zeichen intensive Grabungsarbeiten
auf dem Gelände.
Wir werden wohl in nächster Zeit sicher noch mehr erfahren über diese antike Stadt und ihre Bewohner.
Man darf gespannt sein, was uns die Wissenschaftler noch erzählen werden.
Schon aus diesem Grund sollten wir noch einmal hierher kommen.
Text: Mike Wilutzki

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