Mit uns in Istanbul

26 April 2011 von Bernd Dittmann Kommentieren »

Die Multimillionen-Metropole am Bosporus pendelt zwischen 1001 Nacht und versmogter Realität, zwischen Europa und Asien.
Am heftigsten im Künstlerviertel Beyoglu!
 
Und dorthin entführt Sie dieser Bericht…
Smog, Hektik und Verkehrschaos.
Istanbul, du schaffst mich, bist ein Krake, der alles verschlingt und an seinen eigenen Ausdünstungen fast erstickt.
Aber zum Glück besteht Istanbul, wie eigentlich alle großen Städte, aus einer Unzahl größerer und kleinerer Dörfer.
Und mein liebstes heißt Beyoglu, das Dorf der Künstler, Lebenskünstler und Musiker.
Eine Passage führt mich von der Straße ins „Little Wing Cafe“.
Zwischen der Einrichtung wie vom Trödelmarkt steht Esra, die Besitzerin, und lächelt.
In diesem Laden lerne ich Ali kennen, einen Gitarristen und Flamenco-Fan. Und Özgür, Flamenco-Fan und Arzt.
Ali zupft, streichelt und prügelt die Gitarre und Özgür singt, schreit und jammert, dass wahren Gitanos die Tränen kämen.
Esra bläst das Didgeridoo und schlägt die Tabla – Europa trifft Asien und Australien.
Esra strahlt: „World Music!“
Nicht nur musikalisch erwacht im alten Stadtteil Beyoglu ein neues, weltoffenes Istanbul.
Überall werden Häuser restauriert, eröffnen Lokale, Läden, Galerien.
Zur Zeit der Osmanen befahlen die Herrscher den Ungläubigen, in Beyoglu zu wohnen.
Seitdem verbieten weder Jehova noch Allah in diesem Viertel das Denken und Beyoglu wurde zum Zentrum der Intellektuellen Istanbuls.
Verleger ließen sich nieder, Fernsehsender und Werbeleute.
Das Galata-Viertel ist ein Musikparadies mit Instrumentenwerkstätten, Geschäften, Studios.
Und hinter dem Galatasaray Hamami, einem traditionsreichen „Türkischen Bad“, das einen Besuch lohnt, drängen sich Antiquitätenhändler, säumen Läden für Altes, Wertvolles und Kitsch die Gassen.
Im ewig jungen Beyoglu ist das Restaurant „Yakup 2“ eine Institution. Fuat, Musiker und eine bekannte Größe in der Türkei, hebt das Raki-Glas und zeigt auf die von Porträts übersäte Wand:
„Alles wichtige Menschen, Künstler.
Viele von ihnen sind schon tot und fehlen uns sehr.
Und die meisten waren Stammgäste.
“ Auch Fuats Freund Nedret, Kunstprofessor und Maler, hebt sein Raki-Glas und trinkt auf alle großen Künstler.
„Nedret ist schon lange so erfolgreich, dass wir seine Bilder gar nicht mehr bezahlen können“, so Fuat.
Im vergangenen Jahr hat Nedret den Park hinter seiner Uni entdeckt.
Auf großen Ölgemälden zeigt er Szenen aus dem Park.

Erinnerung an glamouröse Zeiten:

Man kann Istanbul wie ein orientalisches Märchen erleben, wie ein Sultan residieren und sich bedienen lassen wie einer, zum Beispiel im Luxushotel des „Çiragan Palace“.
Aber die Musik spielt in Beyoglu, dem modernsten Teil Istanbuls in trotzdem meist alten Gemäuern.
Eine Legende ist das „Pera Palas Hotel“, das als Grandhotel für die Reisenden des Orient-Express erbaut wurde.
Ein alter Kasten voller Nostalgie.
Wenn man an der Bar steht, wartet man ständig darauf, dass Humphrey Bogart gleich von der Toilette zurückkommt.
Zum Wohnen ist dieses Hotel zu marod und zu teuer.
Das „Büyük Londra Hotel“, nur ein paar Schritte weiter, ist wesentlich preiswerter.
Dort genieße ich den bröckelnden Charme eines ganz langsam verfallenden Grandhotels, plüschigen Luxus unter scheinheilig funkelnden,
schweren Kronleuchtern und die großartige Aussicht über das Goldene Horn.
Vom „Büyük Londra“ sind es nur wenige Minuten zur Istiklal Caddesi, der einstigen Prachtstraße mit dem europäischen Flair des 19. Jahrhunderts.
Wichtige Botschaften residieren in den herrschaftlichen Häusern.
Der Boulevard hat längst wieder an einst verblichene Eleganz angeknüpft.
Die Istiklal Caddesi ist die angesagteste Geschäftsstraße Istanbuls.
Abgesehen von einigen Filialen bekannter Firmen erinnert dort allerdings nichts an die Flaniermeilen westeuropäischer Großstädte.
Kebabpaläste bieten schnelle türkische Küche in prunkvollem Ambiente.
Patisserien locken mit orientalischem Zuckerwerk und die „Çiçek Pasaji“ mit Raki und Mezze.
Vor Teehäusern hocken Junge und Alte auf Schemeln, schlürfen Çay (Tee) und rauchen dazu Wasserpfeifen.
Beyoglu – Zentrum von Künstlern und Intellektuellen:

Trotz der zigtausend täglichen Flaneure bleibt Beyoglu ein Dorf.
Nach nur drei Tagen bummle ich vor allem lächelnd und nickend über die Istiklal Caddesi, grüße den jungen begabten Fotografen, den hoffnungsvollen Romanautor und den kurdischen Geiger, der behauptet, er komme aus Italien und heiße Paganini.
Die schöne Felime vor der verspiegelten Fassade der Vakif Bank spielt mit ihrer Flöte auf der Straße Millionen ein.
Lire, versteht sich, und das nur, wenn Felime Glück hat.
Genügt gerade, um sich abends bei Esra ein einfaches Essen zu bestellen.
Obwohl sich ganz allmählich herumspricht, dass Istanbul dabei ist, in Beyoglu zu einem der pulsierendsten und kreativsten Orte Europas zu werden, gehört es längst noch nicht zum Standardprogramm der Besucher.
Sultanahmet heißt der Traum der Städtereisenden.
Nur dort werden Klischeevorstellungen zur Wirklichkeit.
Wälder von Minaretten kitzeln den Himmel.
Die Hagia Sophia, von den Byzantinern erbaute Kirche und von den Osmanen zur Moschee umgebaut, und die Blaue Moschee stehen sich gegenüber.
Die eine mit vier Minaretten, die andere gar mit sechs.
Der Pracht des Topkapi-Palasts, Sitz mehrerer Generationen von osmanischen Herrschern, tun die steinernen Schornsteinwälder am Himmel keinen Abbruch.
Die Besucher strömen vor allem in den Harem.
Dieses Vergnügen kostet zusätzliche 13 Euro.
Aber trotz des Touristenandrangs wirken die Lustgemächer ziemlich leer ohne die Schönen, die Blumen des Orients.
Pech gehabt.
Die Anmutigen und Schönen sind längst in Beyoglu, an Männern durchaus noch interessiert, aber ihnen schon lange nicht mehr gehorsa untergeordnet.
Beyoglu mit seinem Geflecht von Straßen und Gassen zu beiden Seiten der Istiklal Caddesi – ewig kann man schlendern, schauen und immer noch Neues entdecken.
Aber irgendwann will man raus aus der Enge, raus aus der immer währenden Geschäftigkeit des Viertels.
„Autofahren ist in Istanbul Artistik“, urteilt der Taxifahrer und rast auf das Ende des Staus zu.
Heiße Nächte und Orient-Feeling:

Vor allem an den Wochenenden scheint Beyoglu nie zu schlafen.
Menschenmassen schieben sich durch die Istiklal Caddesi.
Vorwärts kommt man am besten auf den Straßenbahnschienen, denn die werden alle zehn Minuten geräumt, wenn der rote Oldtimer bimmelnd und im Schritttempo durchzukommen versucht.
Bis 5 Uhr morgens herrscht Gedränge, die kleinen Geschäfte haben immer noch geöffnet, verkaufen Waschmittel oder Wein.
Zelebriert werden die Nächte im „Babylon“, das legendäre Konzerte veranstaltet, bei Livemusik im „Mojo“ oder im „Jazz Stop“ in der Nähe des quirligen Taksim-Platzes.
Jazzlegenden wie das amerikanische Sun Ra Orchestra gastieren im „Babylon“.
Ihren Tee schlürfen die Jazzer vor dem Konzert in Esras „Little Wing Cafe“, was die Wirtin für den Rest des Tages in Euphorie versetzt.
Der Latin-Punker und Musikrebell Manu Chao wird der Nächste auf der Liste der illustren „Babylon“-Stars sein.
Beyoglu als die Attraktion Istanbuls, die Istiklal Caddesi als das Einkaufsviertel Istanbuls – das werden mir eingefleischte Städtetouristen nur schwer abnehmen.
„Und der Große Basar?“, werden sie fragen.
Der größte überdachte Basar der Welt?
Der liegt wie die meisten osmanischen Bauten im Viertel Sultanahmet.
Da ist es wieder, das Märchen aus 1001 Nacht, das seine Existenz immer weniger den Erzählern und immer mehr den Zuhörern verdankt.
Tage kann man im Großen Basar verbringen, Tee in finsteren Teehäusern schlürfen oder Espresso in eleganten Cafés und sich verzaubern lassen vom bunten Licht glitzernder Öllampen.
Licht flutet durch Kuppeln, zerschneidet die Luft, zieht den Besucher immer tiefer in das Labyrinth aus Goldschmuck, kostbaren Teppichen und spottbilligen Lederwaren.
Aber irgendwann wird man vom Strom der Besucher wieder ins Freie gespült:
Das Basarviertel erstreckt sich den ganzen Berg hinab bis an das Wasser.
So schieben und stoßen einen die Passanten bis zum Gewürzbasar und weiter bis zur Yenicamii am Goldenen Horn in Eminönü.
Gegenüber, am nördlichen Ufer des Goldenen Horns, zieht sich um den Galata-Turm das von den Genuesen erbaute Galata-Viertel den Berg hinauf nach Beyoglu bis zur Endstation des Tünel, der ältesten und auch kürzesten „U-Bahn“ der Welt.
Eminönü am südlichen Ufer ist einer der Verkehrsknotenpunkte der Stadt.
Im Bahnhof Sirkeci endete einst der Orient-Express.
An den Kais legen noch heute pausenlos Fähren zu entfernten Stadtteilen der riesigen und wuchernden Stadt und zum asiatischen Ufer ab.
Menschen drängen und rempeln, Taxis hupen, Sesamkringelverkäufer brüllen, aus den Schloten der Fähren steigt schwarzer Dieselqualm und
verschlingt Luft und Himmel.
Am Ufer wird Fisch aus dem Bosporus verkauft.
Aber zum Glück ist man mit dem Taxi schnell zurück auf dem Hügel von Beyoglu.

Teil I:

Bilder und Bericht von Frank Tophoven, Abenteuer und Reisen.

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12 Kommentare

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